Bubikopf + Bauhaus

[Quelle: Wikimedia Commons. Josephine Baker, French Walery 1926/27, public domain by age]
[Quelle: Wikimedia Commons. Josephine Baker, French Walery 1926/27, public domain by age]
[Quelle: Wikimedia Commons. Bauhaus Logo, gemeinfrei]
[Quelle: Wikimedia Commons. Bauhaus Logo, gemeinfrei]

DER KULTURELLE RAUSCH

 

Über das Leben von Charlotte Michelet ist wenig bekannt. Über die Umgebung, in der sie lebte, ungleich mehr. Berlin wurde im gleichen Atemzug wie Paris, London und New York genannt. Das Leben spielte sich ohne Vergangenheit und Zukunft ab. Charlotte, eine Frau in den besten Jahren, wird es ausgekostet haben. Die Varietees, Tanzsäle, die Kinos, allen voran der "Lichtpalast" in Köpenick, wo sie zu Hause war.

 

Es gab Kinos in allen Grössen und in jedem Geschmack, die ganz kleinen, die der Berliner "Floh-Kinos" nannte, und dicht daneben ein ganz vornehmes, mit galonierten Dienern; der Theatersaal in Weiss, Gold und Rot und mit samtenen Sesseln wirkte wie ein höfisches Barocktheater. Bei den grossen Premieren wandelten die Kinos ihre Fassaden und die Foyers. Gab es einen Seeräuberfilm, wurden altertümliche Kanonen aufgefahren. Zeigte man einen Zukunftsfilm, wurde die ganze Fassade mit pulverisiertem Silber angestäubt, damit sie im Scheinwerferlicht gewaltig funkle.

[Quelle: Walther Kiaulehn, Berlin, S. 536, Biederstein Verlag München]

 

Josephine Baker war die grosse Attraktion dieser Tage, der Höhepunkt im kulturellen Rausch.

 

Der Kurfürstendamm zeigte in der "Nelson-Revue" vor schwarz gelackten Vorhängen zum erstenmal Josephine Baker: braun wie ein gut gebratenes Steak, langbeinig und paradiesisch; in provokanter Unschuld trug sie nur eine Bananengirlande um die Hüften. Das straff gekämmte, blauschwarze Haar, die wippenden Hüften und das blitzend weisse Gebiss, aus dem das helle, lustig gutturale Französisch purzelte, sprach den ganzen Inhalt der neuen Vokabel aus, die damals aus Amerika über den Ozean nach Berlin herübergeweht war: Sex Appeal!

[Quelle: Walther Kiaulehn, Berlin, S. 539, Biederstein Verlag München]

DIE BAUHERRIN

 

Als Charlotte Michelet 1927 ein bewaldetes Ufergrundstück im weitläufigen Forst Dubrow, etwas abgelegen von der Ortschaft Prieros in der Mark, kauft, ist sie eine unverheiratete reife Frau mit 43 Jahren. Durch Adoption ihres Grossvaters erwirbt dieser den Namen Michelet, mit dem in Berlin französische Aristokratie, kaufmännischer Wohlstand und gesellschaftliche Reputation verbunden wird. Als sie 1928 den Kieler Kaufmann Baske` heiratet, wohnt das Ehepaar weiterhin im Elternhaus im Berliner Ortsteil Köpenick. Auch im Gebäude in der Grünstrasse 10 pulsiert das Leben der "Goldenen Zwanziger Jahre". Im ehemaligen Tanzsaal des Kaiserhofes werden täglich Filmvorführungen im "Lichtpalast" dargeboten. Stummfilme werden von einer Kapelle hinter der Leinwand untermalt. Charleston, Bubikopf und Bauhaus werden zu Synonymen einer neuen und hemmungslosen kurzen Epoche der Weimarer Republik. In der Metropole Berlin kristallisierte die Vision von einer besseren Zukunft.

[AK: In der schönen Dubrow, Fliegeraufnahme 10215. Industriefotografen Klinke & Co., Berlin SW 68. Eigentum: R. Saalfeld]
[AK: In der schönen Dubrow, Fliegeraufnahme 10215. Industriefotografen Klinke & Co., Berlin SW 68. Eigentum: R. Saalfeld]

Das geplante Sporthaus Dubrow liegt auf halbem Weg zwischen dem südöstlichen Stadtrand Berlins und Frankfurt an der Oder. Die teilweise finnisch anmutende Landschaft ist für den Bootsverkehr über Schleusen und unter Brücken von der Hauptstadt erreichbar. Im Verlauf der Dahme-Wasserstrasse, die in ihren Verlängerungen von Berlin bis Teupitz reicht, finden sich zahlreiche, teils sehr grosse seenartige Erweiterungen. Diese Ausbuchtungen sind trotz der Flusszugehörigkeit als Seen benannt. Dem Huschtesee am Standort des Sporthauses schliesst sich westlich die Schmölde und danach der Hölzerne See an.

[AK 1927: Berliner Verkehr. I.W.B. Nr. 501. Eigentum R. Saalfeld]
[AK 1927: Berliner Verkehr. I.W.B. Nr. 501. Eigentum R. Saalfeld]

Der technische Fortschritt wird insbesondere in der zunehmenden Motorisierung sichtbar. Der private und gewerbliche Automobilverkehr schafft Mobiltät und neue Möglichkeiten das Berliner Umland für Freizeit und Warenverkehr zu erschliessen. Der Massentourismus mit motorgetriebenen Ausflugdampfern und KFZ- Kolonnen am Wochenende in das brandenburgische Umland nimmt seinen Anfang.

[AK: Prieros Brücke, Luftbild 10342. Industrie-Fotografen Klinke & Co., Berlin, Flughafen. Eigentum: R. Saalfeld]
[AK: Prieros Brücke, Luftbild 10342. Industrie-Fotografen Klinke & Co., Berlin, Flughafen. Eigentum: R. Saalfeld]

Mit Beginn der Industriealisierung und der massiven Verlagerung von Arbeitsplätzen in Produktion und Dienstleistung wuchs die Möglichkeit für breite Gesellschaftsschichten nach Einführung der 6-Tagewoche zu begrenzter Freizeitgestaltung am Wochenende und im Urlaub. Gleichzeitig sah sich besonders die Arbeiterklasse eingeklemmt von der Macht der Maschinen und der Konzerne. Ein Ventil für ein kurzzeitiges Ausbrechen aus diesem monotonen und unüberschaubaren Räderwerk bieten besonders der Berliner Bevölkerung die weitverzweigten Wasserwege des Umlandes.

[AK: Einfahrt zur Dubrow. Carl Schulze, Berlin-Johannisthal, Kaiser-Wilhelmstr. Nr. 12.  Eigentum: R. Saalfeld]
[AK: Einfahrt zur Dubrow. Carl Schulze, Berlin-Johannisthal, Kaiser-Wilhelmstr. Nr. 12. Eigentum: R. Saalfeld]

In der Zeit des kulturellen Aufbruchs und aufblühenden Wirtschaft hatten Freizeitaktivitäten in die Natur des Umlandes der Berliner Metropole starken Auftrieb. Die Ansichtskarte zeigt eine Kahnpartie 1926 im Bereich der Einfahrt zur Dubrow. An Wochenenden und in den Ferien wurden selbst Klappstühle, Tische und Zelte auf Ruderbooten mitgeführt. Der kurzzeitige Aufenthalt mit "Kind und Kegel" in der Frische der Natur bietet willkommenden Abstand von der sich abzeichnenden politischen Radikalisierung des konkurierenden Parteienspektrums des latenten Gefüges der Weimarer Republik.